Tage Alter Musik – Programmheft 2023

TAGE ALTER MuSIK REGEnSBuRG Mai 2023 Es mag eigenartig wirken, dass ein Instrumentalzyklus, der sich ein frommes Thema wie die Geheimnisse des Rosenkranzes vorgenommen hat, so ausgiebig auf Tänze zurückgreift: So besteht etwa die siebte Sonate, die sich auf die Geißelung Jesu bezieht, aus einer Allemande und einer Sarabande in F-Dur; die darauffolgende Sonate zur Krönung mit der Dornenkrone schließt mit einer beschwingten Gigue in B-Dur samt zweier rhythmisch beschleunigter Variationen ab. Was sich für uns so anhören könnte, als habe Biber hier und anderswo den Maßstab angemessener Andacht ignoriert, dürfte schlichtweg auf eine Form der Frömmigkeit hindeuten, die sich uns heute nicht mehr ohne Weiteres mitteilt. So wie auch die bekannte unterscheidung von „Kirchen-“ und „Kammersonate“ oft allzu dichotomisch verstanden wird und dadurch den Blick auf die in der Barockzeit durchaus bestehende Vermittelbarkeit zwischen weltlicher und geistlicher Musiksphäre überdeckt hat, sind auch die Tänze in den „Rosenkranzsonaten“ nicht als profane Eindringlinge in eine ihnen entgegengesetzte Welt der Religiosität misszuverstehen. Wie in der Forschung festgestellt worden ist, konnten stilisierte Tanzsätze in dieser Zeit, je nach Kontext, in sublimierter Form als Ausdruck bestimmter Affekte und Gestiken gelesen werden. Ohnehin ist der fromme Anspruch des Sonatenzyklus durch die Entdeckung untermauert worden, dass Biber durch Anspielungen und Zitate auf seinerzeit bekannte katholische Kirchenlieder verwiesen hat, die wiederum im Zusammenhang mit den Bemühungen der katholischen Gegenreformation stehen. Die verfügbaren Quellen und Zeugnisse vermitteln den Eindruck, dass Biber in den Diensten des Salzburger Erzbischofs Max Gandolph gut aufgehoben war. Dieser scheint nicht nur ein ähnliches Frömmigkeitsverständnis wie Biber gepflegt zu haben, sondern zeigte sich auch als ausgesprochener Musikliebhaber, der nicht nur Biber schätzte und eine Vorliebe für dessen Violinkunst hegte, sondern mit Ausbau, Ordnung und Förderung der verfügbaren musikalischen Kräfte aus Salzburg eine Musikstadt mit beachtenswerter Geltung machte, in die 1678 mit Georg Muffat noch eine weitere Musikergröße seiner Zeit geholt wurde. Biber war bereits 1671 in erzbischöfliche Dienste getreten, nachdem er sich von seiner früheren Anstellung als Kammerdiener am fürstbischöflichen Hof in Kremsier unter anscheinend abrupten umständen entfernt hatte. In Salzburg festigte er in den kommenden Jahren seinen Ruf als überragender Violinvirtuose seiner Zeit und stieg auch in den höfischen Rängen auf: 1678 wurde er Vizekapellmeister, 1684 erster Kapellmeister und durfte 1692 sogar die ehrenvolle Erhebung zum Truchsess erleben. Wann in den Jahren seiner Salzburger Anstellung bis zum Todesjahr Max Gandalphs 1687 die „Rosenkranzsonaten“ entstanden sein könnten, war lange Zeit nur unter Vorbehalt zu beantworten. Mittlerweile darf aber immerhin von einer Komposition ab 1678 ausge- (Faksimile:) Heinrich Ignaz Franz Biber, Rosenkranzsonaten, Bayerische Staatsbibliothek München, Musms. 4123, urn:nbn:de:bvb:12-bsb00020682-8, S. 10 (Sonata III) 28

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